Rhein-Neckar-Zeitung, 20. 1. 2007

Birnen-Dokumentation erinnert an Most-Tradition

Zum Hüffenhardter Gemeindearchiv gehört seit neuestem eine exklusive Birnbaum-Fotosammlung

 

 

 

 

Bericht und Fotos von Annette Gast-Prior

Sie haben so klingende Namen wie Gräfin von Paris oder Alexander Lukas. Das sind zwei essbare Ausnahmen unter vielen Mostbirnen-Kollegen, die früher für das Alltagsgetränk in jedem Keller sorgten. Bekannt zum Beispiel: die Schweizerwasserbirne. Als Spezialität und Sektersatz verehrt wurde in alten Zeiten der Saft der grünen Romelter oder der Champagnerrenette. Und manche Birnensorten sind offenbar nach ortspezifischen Besonderheiten benannt. Wo soll Vogelmannsbalzen herkommen, wenn nicht aus einer Namens-Liaison der Kälbertshäuser und Hüffenhardter Familiennamen Vogelmann und Balz? Kein Fachbuch jedenfalls verzeichnet diesen Namen, so wenig wie Fischersbirne oder raue Klunker. Birnbäume, erinnert sich der Hüffenhardter Friedrich Witter an seine Kindheit, gab es vor der Flurbereinigung zuhauf - bevor tausende von Obstbäumen auf der Gemarkung der Bodenplanung am Reißbrett zum Opfer fielen. Bei seinen Fotostreifzügen um Hüffenhardt herum hatte Witter, der die Pflanzung von Hochstamm-Obstbäumen zur Geburt der Kinder im Ort begrüßt, schon jahrelang gern Bäume fotografiert. Bis er sich auf Birnen konzentrierte. Aus seinen Beobachtungen zog er den Schluss, dass viele der erhaltenen Bäume, schon über 100, zum Teil 120 Jahre alt sein müssen. Viele blühen schon nicht mehr: „In den nächsten 20  Jahren sterben die aus“, sagt er. Für den 66-Jährigen der Beweggrund, so viele Exemplare wie möglich zumindest dokumentarisch zu erhalten. Wenn er erzählt, wie er dabei zu Werke ging, scheint hinter der sachlichen Herangehensweise ein tiefer Respekt vor der Natur hervor. Wie ihn Bäume beeindrucken, legt der Pensionär im Vorwort zu seiner Sammlung dar, in der er schildert, wie er sich als Junge beim Fallobst-Sammeln sein Kerwegeld verdiente. Im Gespräch erweist sich Witterals ausgezeichneter Kenner seiner Heimat und Naturbeobachter. In mühsamer Geduldsarbeit entstand ein Birnbaumkataster der Gemarkung Hüffenhardt/Kälbertshausen, wie man es wohl in Gemeindearchiven selten finden wird: Auf 34 DIN A 3-formatigen Kunststoff-Fotofolien hat Witter zusammen mit seiner Frau Maria seine Foto-Sammlung katalogisiert. Im grünen oder bunten Blätterkleid, in voller Blütenpracht oder reich mit Früchten behangen, sind die einzelnen Bäume fotografiert, die Standorte nach den gültigen Gewannnamen nachvollziehbar benannt. 27 verschiedene Sorten hat Witter ausfindig gemacht, obwohl er viele davon gar nicht kannte. Dazu, erkannte er schnell, brauchte er fachliche Hilfe – und erfuhr in der Naturschutzbehörde des Landratsamts zunächst eine Überraschung: Man könne ihm nicht viel weiter helfen. Je nach geografische und geologischen Gegebenheiten sähe dieselbe Birnensorte im Neckartal schon so anders aus als in rund 300 Metern Höhe in Hüffenhardt. Für die Sortenbestimmung fand Witter kompetente Experten in nächster Nachbarschaft: Die erfahrenen Landwirte Gustav Haas und Karl Bräuchle wurden seine Birnenberater, mit denen er alle fotografierten Standorte beging – in der Reifezeit, wenn Blätter, Stiel und Früchte die Zuordnung zuließen. „Ohne die beiden wäre die Sammlung nicht möglich gewesen“, ist Witter überzeugt, zum Teil haben erst Diskussionen und Literatur-Recherchen Entscheidungen erbracht. Witter und seine Fachleute, die viel Zeit in das Projekt steckten, erheben keinen Anspruch auf wissenschaftliche Gültigkeit. Aber vielleicht weiß eines Tages der eine oder die andere zu schätzen, welchen Reichtum die Region hier hervorgebracht hat.

 

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