Ludwig Englert

„Rekord-Apfel“ der alten Sorte „Brettacher Apfel“ geerntet

Mein Erstaunen war groß, als beim Abernten meiner Streuobstwiese, Ende November 2006, ein Apfel der alten Sorte „Brettacher Apfel“ mit einem Rekordgewicht von 560g dabei war.

Gewicht und Größe sind sicherlich auf die günstige und relativ warme Witterung zurückzuführen. Der „Brettacher“ ist nicht gerade spektakulär im Geschmack, eher saftig, etwas säuerlich – beim ersten Bissen verzieht man vielleicht das Gesicht, aber nur beim ersten Bissen. In den Unterlagen der „Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- u. Weinbau Weinsberg“ kann man nachlesen:  mittlerer Zuckergehalt, kurz, leicht gewürzt, mit erfrischender Säure, er ist ein Tafel- und Wirtschaftsapfel, in der Güte dem Ontario fast gleich, mittlerer Gehalt an Vitamin C, fruchtig herb, sonst wenig Aroma, erfrischend…“. Der „Brettacher Apfel“ ist ein richtiges Multitalent. Seine vielseitigen und hervorragenden Eigenschaften bei der Verarbeitung zeigt er in der Küche oder z. B. beim backen von feinen Apfelkuchen etc. Für die Herstellung von Säften ist er bestens geeignet. Eine Nichte, die allergiebedingt auf Äpfel verzichten muss, kann ihn problemlos essen. Er ist ein richtiger „Liebhaber-Apfel“.

Alte Apfelsorten, wie z. B. der „Brettacher“ sind leider vom Aussterben bedroht. Dazu beigetragen haben vor allem in den 60er und 70er Jahren viele neue, äußerlich attraktive und geschmacklich interessante, allerdings häufig gespritzte Sorten aus fabrikmäßig angelegten „pflegeleichten“ Plantagen, die dem „Brettacher“ das Leben schwer machten.

Ebenso verschwanden bei den Flurbereinigungsmaßnahmen viele Streuobstwiesen mit den alten Apfelsorten. Damals wurden auch auf meiner Streuobstwiese alle diese Bäume mit einem Kreuz, zwecks Entfernung, versehen. Ich habe sie überleben lassen. Heute stehen noch 7 dieser Bäume auf meinem Grundstück, welches mein Vater Mitte der 40er Jahre angelegt hat. Mit einem Pferdefuhrwerk, zusammen mit einigen Bauern, wurden die Bäume im Tausch gegen z. B. Wolle, Lebensmittel und ähnlichem, in der Gegend um Öhringen, Brettach, besorgt. Trotz des hohen Alters der Bäume konnten wir im Jahr 2006 1,2 t gesunde Äpfel ernten.

In einem Bericht des heimatgeschichtlichen Vereins von Langenbrettach kann man nachlesen, dass der „Brettacher Sämling“ ein Zufallsprodukt ist („Zufallsämling“).

Er war zunächst in einigen Bereichen Württembergs verbreitet. Die Geschichte seiner Entstehung ist einerseits einfach, andererseits für die heutige Zeit gar nicht mehr selbstverständlich: Wenn früher im Herbst, nach dem „Mosten“, die Trester nichts mehr hergaben, hat man sie in einer Ecke des Bauernhofes, in der Nähe des Misthaufens, am Rande einer Baumwiese, an einem Rain, auf einem Stück nicht genutzten Acker- oder Wiesengrundes, am Rande eines Feldweges oder im Bereich der Weinberge abgelagert.

Auf diesen Tresterhaufen keimten dann die Apfelkerne aus. Die Obstbauern schulten jedes Jahr ca. 5 bis 10 solcher 5 cm hohen Jährlinge in die Weinberge aus. Wenn die „Wildlinge“ nach ein paar Jahren ca. 1 m hoch waren, wurden sie veredelt. Unveredelte Apfelbäume haben kleine Blätter und Stacheln und liefern ungenießbare, harte Holzäpfel. 1911 bat man den damaligen Baumwart, einen von 5 Sämlingen mit besonders großem, kräftigem Wuchs und ohne Stacheln zu begutachten. Er empfahl, diesen jungen Sämling nicht zu veredeln, sondern ihn weiterhin zu beobachten. Dieser Zufallssämling durfte zusammen mit den „Veredelten“ in einem Obstgrundstück heranwachsen. Um 1920 konnten dann erstmals die ersten großen „wilden“ Äpfel bewundert werden. Der Kreisobstbauinspektor musste das - wahrscheinlich unverhoffte - Ergebnis beurteilen, wobei man sofort die Qualität und die Marktchancen dieses großen Apfels erkannte. Schließlich einigte man sich auf den Namen „Brettacher“ oder „Brettacher Sämling“.

Die Wertschätzung des „Brettacher Apfels“ scheint sich in letzter Zeit wieder zu verbessern.

Geringer Pflegeanspruch, kaum schädlings- u. schorfanfällig, ziemlich frostharte Blüten u. frostunempfindliches Holz, gute Haltbarkeit und lange Lagerfähigkeit haben sein Ansehen wieder steigen lassen. Er trägt auch gutes Obst, wenn er nicht oder nur wenig gespritzt wird. Zu bemerken ist, dass die Bäume seit Bestehen der Streuobstwiese noch nie gespritzt wurden.

Gesteigertes Umweltbewusstsein und ein neu erwachter Sinn für das Natürliche tragen dazu bei, dass die „Brettacher“ wieder im Kommen sind. Richtig ausgereift, nachdem er Ende Oktober gepflückt wurde, ist er erst ab Weihnachten. Die fettig-wachsige Schale schützt ihn, sodass er mindestens bis Ende April haltbar ist.

 

 

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